Macht das Smartphone krank?

Telekommunikation: Zur Schädlichkeit des Geräts gibt es viele Thesen – Doch was davon stimmt und was nicht? – Ein Faktencheck
Von dpa-Mitarbeiterin JANNE KIESELBACH
BERLIN.Es istein kleines Gerät, das unseren Alltag revolutioniert hat. Seit gut zehn Jahren ist das Smartphone auf dem Vormarsch – mittlerweile nutzen es acht von zehn Menschen in Deutschland. Viele Menschen aber sind verun
sichert: Was machen Smartphones mit unserer Gesundheit? Ein Faktencheck.
Behauptung: Smartphones können süchtig machen. Bewertung: Stimmt. Fakten: »Mit der Ankunft des Smartphones hat die Online-Sucht eine neue Dynamik erhalten«, sagt der Suchtforscher Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen bei München. Besonders die Abhängigkeit von sozialen Medien habe durch das Smartphone zugenommen. »Wenn morgens der erste Blick aufs Handy geht und abends auch der letzte, dann müssen sich Betroffene fragen: Dient dieses Gerät noch mir oder diene ich ihm?« Rund ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland gilt bereits als internetabhängig. Betroffen sind vor allem Jüngere: In der Altersgruppe von 14 bis 24 Jahren zeigen2,4ProzentderFrauenund2,5 Prozent der Männer ein Suchtverhalten. Zu diesem Ergebniskommt die »Pinta«-Studie, die im Auftrag der Bundesregierung von dem Lübecker Psychologen Hans-Jürgen Rumpf durchgeführt wurde. Dabei beobachtet Rumpf einen Geschlechterunterschied: Während junge Männer für Online-Spiele und Pornografie anfällig sind, neigen junge Frauen eher zu einer Sucht nach sozialen Medien.
Aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken: Doch schadet das Gerät der Gesundheit? Dazu gehen die Meinungen auseinander.
Behauptung: Smartphone-Nutzung kann unserem Rücken und unseren Händen schaden. Bewertung: Stimmt. Fakten: »Smartphones vereinen Display und Tastatur. Durch diese Einheit ist es eigentlich nicht möglich, eine Haltung zu finden, die gleichzeitig für alle Körperbereiche optimal ist«, sagt Patricia Tegtmeier von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Sie hat mit ihrem Team 41 Studien aus den Jahren 2007 bis
2016 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis: »Wenn das Smartphone sehr intensiv und andauernd genutzt wird, kann sich das Risiko für Muskel-Skelett-Erkrankungen erhöhen.« Neben Nackenverspannungen durch eine gekrümmte Haltung birgt das schnelle, wiederholte Tippen auf kleinen Displays ein erhöhtes Risiko für Sehnenscheidenentzündungen an den Handgelenken und in den Daumen. »Touchscreen-Geräte sind für eine kurze Nutzung sinnvoll. Wenn man aber längere Texte tippen will, sollte man eine externe Tastatur nutzen«, sagt Tegtmeier.
Behauptung: Das blaue Licht des Smartphones kann die Netzhaut der Augen schädigen und sogar zur Erblindung führen. Bewertung: Hierüber streiten die Forscher. Fakten: Im Juli vergangenen Jahres erhielt ein Beitrag in der Fachzeitschrift »Scientific Reports« viel Aufmerksamkeit. Ein Team der Universität Toledo in den USA wollte herausgefunden haben, dass der Blauanteil im Displaylicht von Smartphones und Computern Erblindungverursachen kann. Das kurzwellige Licht rege in den lichtsensiblen Zellen des Auges die Produktion giftiger Moleküle an, so die Forscher. Diese Einschätzung ist sehr umstritten. Das wissenschaftliche Komitee der EU-Kommission für Gesundheitsfragen erklärte noch 2018: »Studien zeigen, dass die Lichtintensität von LED-Displays, die in Fernsehgeräten, Laptops, Telefonen, Tablets oder Spielzeug verbaut sind, weniger als zehn Prozent der Höchstintensität beträgt, die zum Schutz der Netzhaut definiert worden ist. Das heißt, sie stellt bei normaler Nutzung kein Risiko für die Augen da.«
Behauptung: Wer abends lange aufs Smartphone schaut, schläft schlechter ein. Bewertung: Stimmt. Fakten: Viele Menschen greifen vorm Schlafengehen noch einmal zum Handy. Sie checken E-Mails oder lesen Nachrichten. Wissenschaftler raten hiervon allerdings ab. Denn auch wenn der Blauanteil im Licht des Smartphone-Displays keine Schäden der Netzhaut verursachen sollte, stört es doch den Schlaf. »Es kann nachweislich zu einer Unterdrückung des Hormons
Melatonin kommen«, sagt Udovicic. Und das ist ein Problem: Melatonin macht uns abends müde, normalerweise wird das Hormon bei Dunkelheit ausgeschüttet. Doch das helle Licht des Smartphones signalisiert das Gegenteil: Es ist Tag, bleibe wach!
Behauptung: Die Strahlung von Smartphones kann Krebs verursachen. Bewertung: Stimmt nach bisherigen Erkenntnissen nicht, aber ein Restrisiko besteht.
Fakten: Für viel Aufsehen sorgte im April vergangenen Jahres ein Gerichtsurteil in Italien. Einem Mann wurde Schmerzensgeld zugesprochen, weil in seinem Kopf ein Hirntumor gewachsen war. Die Richter bewerteten den Krebs und seine Folgen als Berufskrankheit – der Mann hatte für seinen Arbeitgeber täglich mehrere Stunden mit dem Handy telefoniert. Kann Handy-Strahlung folglich als krebserregend gelten? »Nein«, sagt Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). »Wir haben keinen Nachweis, dass die Smartphone-Nutzung bei Einhaltung der internationalen Grenzwerte Krebs verursachen könnte.« Zwar seien die Studien noch nicht in der Lage, völlige Sicherheit zu geben, weil sich Tumore über lange Zeit entwickelten. »Aber mit jedem Jahr, in dem wir keinen Anstieg an Erkrankungen sehen, erhalten wir mehr Gewissheit.«
Behauptung: Der WLAN-Betrieb eines Smartphones kann schädliche Strahlung verursachen. Bewertung: Stimmt nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Fakten: Eine Studie im Auftrag des BfS kam 2005 zu dem Ergebnis, dass die Strahlenbelastung durch WLAN-Geräte bei unter 0,1 Prozent des EU-Grenzwertes liegt. Selbst in unmittelbarer Nähe zum Körper könne keine Strahlung im gesundheitsschädlichen Bereich gemessen werden. »Die Sendeleistung von WLAN ist sehr niedrig, sie liegt im Milliwatt-Bereich«, sagt Gunde Ziegelberger.
Behauptung: Ein Handy in der Hosentasche kann bei Männern zur einer Reduzierung der Fruchtbarkeit führen. Bewertung: Stimmt nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Fakten: Wo ist das Smartphone immer griffbereit? Richtig, in der Hosentasche. Deshalb bewahren viele Männer das Handy in der Nähe ihres Geschlechtsteils auf. »Die Spermienbildung wird durch eine Temperaturerhöhung um mehr als ein Grad nachweislich unterdrückt«, sagt Ziegelberger. Allerdings seien die Wärme des Handy-Akkus oder die Strahlungsenergie für diesen Effekt nicht ausreichend

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